Phase II – 2014

2014  Stadtkultur, öffentlicher Raum und Lebensweisen – Alltag und Erkenntnis

Die soziale Produktion des gelebten Raumes spannt den Bogen zwischen bedeutsamer Alltagserfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie überbrückt und verknüpft die weiteren  Themen des zweiten Förderzyklus – den materiellen Fokus auf Ressourcen und den mentalen Fokus auf Wissen in der Raumproduktion. Jede (technische, ästhetische) Innovation, jeder (akademische) Erkenntnisfortschritt passiert in einem sozialen Umfeld, kann also nicht losgelöst von den sozialen Gegebenheiten einer jeweiligen (Stadt)Gesellschaft verstanden werden. Gleichermaßen stellen öffentliche Räume das unausweichliche Scharnier der Erforschung der Städte in den Spannungsfeldern zwischen Emotionalität, Erfahrungen und Affekt, sowie zwischen den Grenzen der Rationalität, der symbolischen Produktion von bedeutungsschwangeren Orten und der Akkumulation von kulturellem Kapital dar. Jedoch gibt es kaum systematische Reflexionen über jene akademischen Neuerungen in Architektur und Planung, die gesellschaftliche Innovationen hervorbringen und eine Erhöhung der unmittelbaren Lebensqualität für Viele in öffentlichen Räumen generieren. Auch fehlen raumtheoretisch-epistemologische Auseinandersetzungen mit verschiedenen Wissensbeständen in den öffentlichen Räumen, von der alltäglichen Lebenserfahrung hin bis zur abstrakten akademischen Untersuchung komplexer gesellschaftlicher Umwälzungen. Das Jahresthema „Stadtkultur, öffentlicher Raum und Lebensweisen – Alltag und Erkenntnis“ bietet die Möglichkeit, sich in der explorativen Sphäre des Interdisciplinary Centre for Urban Culture and Public Space (SKuOR) auch mit weiteren Implikationen des Verstehens öffentlicher Räume für die Stadtforschung und benachbarte Studienfelder in postdisziplinärer Manier erkenntnisproduktiv zu beschäftigen.

Ferner lassen sich etwa stadtkulturelle Betrachtungen aufkeimender kultureller Praktiken als Herausforderung für Stadtpolitik und Inspiration für Stadtökonomie dort ergebnisoffen durchführen, wo sich  städtisches Leben tagtäglich bunt entfaltet: in den öffentlichen Räumen der Städte. Mit dem Blick auf zivilgesellschaftliches Aufbegehren in verschiedenen Städten Europas etwa wird deutlich, dass es an Anlässen für Forschungen zu öffentlichen Räumen als Seismographen für architektonische Weichenstellungen und als Transformationsvehikeln für den Wandel etablierter Planungskulturen nicht fehlt.

In der Regel verbleiben wissenschaftliche Annäherungen zu öffentlichen Räumen aber den jeweiligen Disziplinen immanent. Forschende verwenden oftmals vorgefertigte methodische Baukästen, um den Gegenstand ‚handhabbar’ zu machen. Dass gesellschaftliche Komplexität, die sich in der Stadtentwicklung manifestiert, aber in öffentlichen Räumen auf der konzeptuell greifbaren und materiell anfaßbaren Mikroebene erforscht werden kann, ist bis dato wissenschaftlich vernachlässigt worden. Das Wesen der Stadtforschung, die in ihr nahezu schon eklektisch vereinte Vielfalt der Herangehensweisen und das weite Spektrum möglicher Methoden begünstigen zukünftigen Erkenntnisgewinn zwischen konkreten Baumaterialien und abstrakten gesellschaftlichen Prozessen. Der öffentliche Raum als Forschungsgegenstand muss daher aus seiner komplexen Natur heraus verstanden und Disziplinen übergreifend weniger als epistemologisches Minenfeld, sondern vielmehr als erkenntnistheoretische Chance verstanden werden (Postdisziplinarität). Denn hier zeigen sich ganz unterschiedliche Phänomene der Stadtentwicklung in ihrer wechselseitigen Durchdringung. Für Forschende bedeutet dies eine systematische Hinwendung zum Alltagsleben in den Städten mit seinen Aporien und Dilemmata, mit den Chancen und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Emanzipation im Alltäglichen, die die die Forcierer der bisherigen Erkenntnisfindung den europäischen Städten gemeinhin idealtypisch zuschreiben.

Stadtforschung muss im Gegensatz zur Stadtplanung daher Wissenskonstrukte und Expertenwissen über Stadtkultur und öffentliche Räume kritisch hinterfragen, soll es darum gehen, Fragestellungen entsprechend ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu schärfen, Methoden aus dem Gegenstand städtischer Lebensweisen heraus zu entwickeln, um Wissensfortschritt über den Wandel der gesellschaftlichen Praxis, der gelebten Räume und der sozialen Raumproduktion, die in den Städten besonders deutlich zu Tage treten, hervorzubringen.

Neue Sphären der Erkenntnis innerhalb der Stadtforschung sind zu umreißen, die den öffentlichen Raum und stadtkulturelle Aspekte betreffen. Es geht auch darum, einen Disziplinen übergreifenden Anschluss an zukünftige Anwendungsgebiete der neugewonnenen Expertise in Architektur und Planung herzustellen. Denn die Potentiale der verschnittenen Themenfelder Stadtkultur und öffentlicher Raum erscheinen aufgrund jüngerer gesellschaftlicher Umwälzungen (siehe z.B. Protest gegen Bahnhofsprojekt in Stuttgart oder die Proteste auf dem Tahrir Platz in Kairo im Zuge des Arabischen Frühling) auch für andere Felder der Stadtentwicklungspraxis (z. B. Projektsteuerung, Projektentwicklung, Kommunikation und Partizipation in Architektur und Planung) äußerst erkenntnisproduktiv.

 

Kommentare sind geschlossen.