Phase II – 2012

2012 Stadtkultur, öffentlicher Raum und RessourcenÄsthetik und Materialität

Die Bündelung bereits existenter Expertise an der Technischen Universität Wien (TU Wien), etwa aus den Feldern Technik, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Ökologie und Ästhetik, stellt für die Disziplinen übergreifende Erforschung öffentlicher Räume und stadtkultureller Aspekte eine große Herausforderung, will man die materielle Produktion des Raumes fach- und arbeitsbereichsübergreifend systematisch vorantreiben (Interdisziplinarität). Stadtgestaltende, darunter Landschaftsarchitekten, Stadtplanerinnen, Städtebauer und Architektinnen beschäftigen sich primär mit Ressourcen wie etwa mit der Beschaffenheit von Materialien und mit dem ästhetischen Ausdruck öffentlicher Räume und baukultureller Aspekte. Im Zuge des klimatischen Wandels sind sie bemüht, Ressourcen schonend zu planen und neue Technologien der lokalen Energiegewinnung in die ökologisch orientierte Gestaltung öffentlicher Räume einzubinden.

Planungskulturell spielen informelle Prozesse um politische Ressourcen eine große Rolle bei der Frage, welche Akteure und Institutionen gemeinsam punktuell oder gesamtstädtisch Stadtentwicklung beeinflussen und die materielle Produktion der Stadt vorantreiben. Ressourcen können hier also auch eine politische Dimension im Zuge des so genannten Ressourcenpooling erhalten, auch spielt der Zugriff und die Verfügbarkeit sensibler, interaktiv reagierender Technik- und Infrastruktur-Netzwerke eine zunehmend große Rolle in der Kritischen Politischen Ökonomie der Stadt und in weiter gehender Akteur-Netzwerk-Analysen.

Gleichermaßen ist der Fokus auf die Knappheit von Ressourcen und ihre mögliche Bewirtschaftung in der Stadtentwicklung ein per se ökonomischer. Mit verschärftem Wettbewerb der Städte um Aufmerksamkeit und Reputation – hier geht es um symbolische und mediale Ökonomien – erlangen zunehmend  „weiche“, immaterielle Ressourcen stadtkulturelle Signifikanz. 2012 wird das Interdisciplinary Centre for Urban Culture and Public Space (SKuOR) daher seine Bestrebungen mittels der interdisziplinären Verknüpfung verschiedener Sichtweisen, die bereits fragmentiert und unverbunden innerhalb der Technischen Universität Wien bestehen, auf die Bedeutung von ganz unterschiedlichen Ressourcen für die Entwicklung öffentlicher Räume ausrichten. Es gilt, produktive Anknüpfungsstellen zwischen technologischem und baulichem Wandel und sozialem und gestalterischem Fortschritt aufzuspüren, die den Schutz des Gebrauchswertes, von Allgemein- und Kollektivgütern  garantieren und dem öffentlichen Charakter öffentlicher Räume als Orten, an denen sich öffentliches Leben entfaltet zuträglich sind.

Immer aber beinhaltet die Erforschung der materiellen Lebensbedingungen in den Städten eine implizit soziale Frage, gleich wenn vielen Forschenden dies vor dem Hintergrund des Wohlstands in der westlichen Welt weniger bewusst ist. Erst dann, wenn die materielle Versorgung mit Lebensqualität in den Städten an Minimalgrenzen stößt, wird Stadtgestaltenden das eigentliche Privileg ihrer andauernden normativen Aufgabe klar vor Augen geführt: Die Ausstattung von Stadtgebieten, speziell von öffentlichen Räumen und Wohngebieten, mit guter materieller Qualität ist eine Kernaufgabe der Erstversorgung der Stadtbevölkerung mit menschenwürdigen  Lebensbedingungen. Neben dieser Pflicht der materiellen Grundausstattung gewinnt die Kür ästhetischer Avancen auch vor dem Hintergrund zunehmender Informationsübersättigung und Aufmerksamkeitsdefizite an Bedeutung, will man der Entschleunigung gegenwärtiger Lebensrhythmen in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft und der Befreiung von Stress im reizübersättigten Stadträumen Vorschub leisten.

Ästhetik steht hier oftmals im Verdacht der Stadtforschenden, in den Dienst der wirtschaftlichen Aufwertung und Depolitisierung gesellschaftspolitischer Fragen gestellt zu werden oder strukturelle soziale Segregation durch symbolische Codes in öffentlichen Räumen zu begünstigen. Sie hat aber, andererseits, weitreichende wahrnehmungspsychologische Wirkungen und ist Trägerin baukultureller Bedeutungszuschreibungen, die Werthaltungen und Traditionen der Stadtgesellschaft reflektieren. In öffentlichen Räumen kommt ein breites Spektrum ästhetischer Wahrnehmungen zum Tragen: Jenseits von Alltagsästhetik und Hochkulturschema spricht Ästhetik ganz allgemein den Feinsinn, und damit Erfahrungen und Empfindungen der Menschen – ihren Affekt – an. Clever eingesetzt vermag es ästhetischer Anspruch im Optimalfall, Sinn zu stiften, Wohlbefinden zu stimulieren und neue Technologien in ressourcenschonender Weise in den Dienst der Stadtgesellschaft im weiteren Sinne – und nicht nur der Mehrheiten der Wähler –  zu stellen.

Der Jahresschwerpunkt 2012 „Stadtkultur, öffentlicher Raum und Ressourcen – Ästhetik und Materialität“ verweist daher auf die vielen Betrachtungsweisen jener Materialien, aus denen die baulichen Arrangements öffentlicher Räume errichtet werden, wie auch auf die Materialität stadtkultureller Interventionen. Abstrakt gesprochen befassen wir uns mit der materiellen Produktion des Raumes als einer Facette der gesellschaftlichen Raumproduktion, bei der Ästhetik eine besondere, wenngleich ambivalente Rolle beigemessen werden kann. Gleichzeitig ist ästhetischer Wandel eine unverzichtbare analytische Eingangsdimension der Urbanistik für die Erforschung ganz unterschiedlicher Teilphänomene gesellschaftlichen Wandels.

Das Interdisciplinary Centre for Urban Culture and Public Space wählt daher im Jahr 2012 eine interdisziplinäre Herangehensweise, deren Ziel es ist,  die vielseitige Expertise ganz unterschiedlicher Kolleginnen und Mitarbeiter an der TU Wien zusammenzubringen, innerhalb unserer Institution disziplinen-, arbeits- und fachbereichsübergreifend zu arbeiten, um Kenntnisse über neue Technologien für den öffentlichen Raum und für stadtkulturelle Interventionen zu gewinnen. Ebenso möchten wir die weite gesellschaftliche Einbettung von technischer Innovation und ressourcenschonender Materialität vor dem Hintergrund kultur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse und Kritik thematisieren. Schließlich kann auch Ästhetik als sozialwissenschaftliche Eingangsdimension zur Wissensproduktion für die Stadtplanung und für den Erkenntnisgewinn in der Stadtforschung dienen und stellt daher eine Verbindung zu den weiteren Jahresthemen dar.

 

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