Geschichte

Die Stiftungsgastprofessur: ein innovativer Vorschlag

Im Jahr 2008 beschloss der Magistrat der Stadt Wien, die Einrichtung einer dreijährigen Stiftungsgastprofessur für Stadtkultur und öffentlicher Raum aus Stiftungsmitteln zu unterstützen. Aufgrund der gestiegenen Komplexität des Gegenstandes, grundlegender Perspektivverschiebungen in Planung und Forschung und aufgrund der bereits geschichtlich begründeten Besonderheiten der Stadt Wien im Bereich der Kulturproduktion einigte sich ein Koordinierungsgremium zwischen der Stadt Wien und der TU Wien im Verlauf der vorbereitenden Gespräche auf ein untypisches Modell: Es sollte ein Arbeitsbereich für Stadtkultur und öffentlicher Raum (SKuOR) an der TU Wien mit dem Ziel eingerichtet werden, bereits bestehende jedoch noch nicht ausreichend genutzte Synergien an der Fakultät für Architektur und Raumplanung hinsichtlich des neuen Themenschwerpunkts „Stadtkultur und öffentlicher Raum“ zu bündeln. Man wollte eine thematisch ausgerichtete Institution horizontal zu den traditionellen Fachbereichen kreieren, in die die Aktivitäten der nunmehr auf neun Jahre angelegten Stiftungsgastprofessur einzubetten waren. Dem dialogischen Grundgedanken einer horizontalen Institution folgend beschied man bereits früh, dass anstelle einer einzigen Gastprofessorin oder eines einzigen Gastprofessors ein zweiköpfiges GastprofessorInnen-Team an die TU Wien bestellt werden würde.

Akademisches Team in Forschung und Lehre

Demnach liegt dem heutigen SKuOR die Idee des akademischen Teams zugrunde, das sich aus einer Seniorin/ einem Senior mit weitreichender Lehr- und Forschungs- oder Praxiserfahrung und einer Juniorin/einem Junior mit frischen Blick auf gegenwärtige Entwicklungen in der Forschung sowie in der Planung und Lehre rekrutiert.
Aufgrund der Komplexität der Perspektiven, die die Verknüpfung von Lehre und Forschung hinsichtlich stadtkultureller Perspektiven auf öffentliche Räume mit sich zu bringen versprach, lag auf der Hand, dass das Expertenwissen eines einzelnen Teams nicht ausreichend sein könne, der Vielschichtigkeit und Ambivalenz der beiden Gegenstände gerecht zu werden. Daher beschloss man, eine weitere Innovation an der TU Wien in die Praxis umzusetzen, drei Teams entsprechend jährlicher Schwerpunkte nach Wien zu holen, die jeweils für ein Jahr in zwei Lernfeldern – Raumforschung sowie Raumplanung und -gestaltung – tätig sind.

Temporäre Expertise und wissenschaftliche Kontinuität

Um gleichzeitig inhaltliche Kontinuität, sowie einen reibungslosen Übergang zwischen den Kandidaten und Kandidatinnen zu gewährleisten, schrieb die TU Wien im Rahmen der Einrichtung des Arbeitskreises und der Stiftungsgastprofessur die Stelle einer Universitätsassistenz mit Doktorat öffentlich aus. Von den Kandidatinnen und Kandidaten erwartete man sich die Ausarbeitung einer inhaltlichen Schwerpunktsetzung, um das bereits im Arbeitskreis intern vorbereitete Strukturkonzept auf ein solides wissenschaftlich-akademisches Fundament zu stellen. Im Herbst 2008 einigte sich der Arbeitskreis auf das von Dr. phil. Sabine Knierbein vorgestellte Dreijahresprogramm, das in engem Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Schwerpunkten der deutschen Stadtforscherin steht, die aufgrund ihrer Doktoratsstudien in den einschlägigen Themengebieten als Leiterin des SKuOR in Zusammenarbeit mit Prof. Rudolf Scheuvens an die TU Wien bestellt worden ist. Mit dem Übergang der Förderphase I (2009 bis 2011) zur Förderphase II (2012 bis 2014) wird diese Expertise nunmehr in den Strukturen der Fakultät verstetigt, um die einzelnen Inhalte der verschiedenen Gastprofessorenteams systematisch in Forschung und Lehre einzubinden, die wissenschaftliche Kontinuität auf hohem Niveau verspricht.

Interessenbekundungsverfahren

Seit Herbst 2008 führt das SKuOR mehrstufige Auswahlverfahren für die Besetzung der Stiftungsprofessorenteams durch. Ausschlaggebend für die Bestellung des akademischen Teams ist, erstens, die inhaltliche Reputation der individuellen Persönlichkeiten entsprechend der jährlichen Schwerpunktthemen. Ein zweites entscheidendes Kriterium ist die besondere Eignung der Interessierten für die Arbeit in experimentellen akademischen Teams. Hierbei spielen, drittens, weitere Kriterien eine zentrale Rolle: Exzellenz in Forschung und Lehre zu öffentlichen Räumen und stadtkulturellen Aspekten, einschlägige Profilierung und Erfahrung in den Bereichen Know Why oder Know How, Internationalität, Europabezug und Vernetzung in der akademischen und außerakademischen Sphäre, Erhöhung des Frauenanteils in leitenden Positionen der Forschung und Lehre an der TU Wien entsprechend des Frauenförderungsplans.

Innovatives Bestellungsverfahren

In 2009 beschloss der Arbeitskreis TU, den auf internen Vorschlägen fußenden Auswahlrunden öffentliche Interessenbekundungsverfahren vorzuschalten: Interessierte für die Stiftungsgastprofessur (Junior) können ihr Interesse im Zuge dieses Verfahrens direkt entsprechend eines Anforderungsprofils bekunden, wohingegen für die Auswahl der Persönlichkeit für die Stiftungsgastprofessur (Senior) ein Mischverfahren aus direkten Interessenbekundungen und begründeten Vorschlägen der Teilnehmenden des TU internen Arbeitskreises und des Advisory Boards zum Tragen kommt. Die Mitglieder des Arbeitskreises stellten zuletzt komplementäre akademische Teams aus jeweils rund vierzig möglichen Kandidatinnen und Kandidaten jährlich für beide Positionen zusammen und nominierten nach mehrmonatigen Auswahlverfahren zwischen 2009 und 2017 neun verschiedene Teams.

Dynamische Struktur

Im Frühjahr 2015 gab die Stifterin ein positives Signal für die Fortführung des SKuOR zunächst für einen weiteren Dreijahresturnus in der Förderphase III (2015-2017). In Abstimmung mit Empfehlungen der Gremien (Arbeitskreis TU Wien, Internationaler Beirat) legte Dr. Sabine Knierbein im Mai 2014 ein neues inhaltliches Dreijahresprogramm vor. Mit dem Übergang von Förderphase I zu Förderphase II hat ebenfalls eine interne Evaluierung, Reflexion und Optimierung der Struktur des Arbeitsbereiches stattgefunden, aus der im Ergebnis eine dynamische Anpassung der Personalkapazitäten entsprechend des folgenden Musters resultiert:

Dem neuen Kanon der Jahresthemen entsprechend bestellt die Fakultät für Architektur und Raumplanung zwischen 2012 und 2017 pro Jahr fortan jeweils eine Senior-Professorin/einen Senior-Professor an die Technische Universität Wien. Die Position der Juniorgastprofessur wird fortan fix in der Fakultät für Architektur und Raumplanung als Stiftungsprofessur (Junior) entsprechend dem Laufbahnstellenmodell institutionell verankert, um die neuen Inhalte strukturell dauerhaft an der TU Wien zu verstetigen.

Es wird zusätzlich die neue Möglichkeit für einen Doktoranden/ eine Doktorandin geschaffen, zur kulturellen Raumproduktion im Rahmen der Dissertation am SKuOR zu forschen (März 2012 bis November 2016). Kulturwissenschaftliche Methodik (Bündeln von vielfältigen Perspektiven, Suchen produktiver Anschlussstellen zwischen verschiedenen Wissensfeldern, etc.) und Erkenntnis versprechende raumtheoretische Auseinandersetzungen zum gestalterischen und planerischen Umgang mit Differenz in der Stadtgesellschaft werden hier besonders gefördert. Derart wird die Kontinuität der grundlegenden Inhalte des SKuOR bei gleichzeitigem Wandel der inhaltlichen Akzente garantiert und der Perspektivenwechsel theoretisch fruchtbar gemacht.

Die anfängliche Stiftungsgastprofessur („2+1 Modell“, Tab.1) wird in eineStiftungs(gast)professur („1+1+1 Modell“, Tab.2) überführt, wobei dem dialogischen Teamgedanken weiterhin zentrale Bedeutung in Lehre und Forschung beigemessen wird. Diese strukturellen Veränderungen gewährleisten einerseits größere inhaltliche Kontinuität und Verankerung, und ermöglichen es andererseits, spezielle Fachgrößen einzubringen und die facettenreichen Erfahrungen der Koryphäen auf europäischer Ebene in die Entwicklung der horizontalen Struktur erkenntnisproduktiv einzubinden. Durch diese administrative Optimierung der lernenden universitären Struktur SKuOR eröffnet sich die Chance, neue Themen zu setzen, die auf den bereits realisierten Erfahrungen und Erkenntnissen der ersten Dreijahresphase vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Relevanz und wissenschaftlicher Aktualität fußen.


Tab. 1 Struktur der anfänglichen Stiftungsgastprofessur während der Förderphase I des SKuOR-Programmes (2009-2011)


Tab. 2 Dynamische Strukturanpassung Stiftungs(gast)professur für die neue Förderephase II und III des SKuOR-Programmes (2012-2014 und 2015-2017).

 

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